Integration
„Sind Sie wirklich Albanerin?“
Auch heute noch wird mir diese Frage auf dem Schulhof gestellt, mit der Absicht, mir voller Stolz mitzuteilen, woher sie selber ursprünglich stammen
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch das Schulhaus.
Am Ende des ersten Schultages versammelten sich ein Dutzend Kinder vor meinem Schulzimmer. „Sind Sie wirklich Albanerin?“, fragten sie, wobei mich einige anschauten, als wäre ich eine noch nie zuvor gesehene Spezies. Daraufhin folgte natürlich die Frage aller Fragen: „Kommen Sie aus Kosovo oder Mazedonien?“
Auch heute noch wird mir diese Frage auf dem Schulhof gestellt, mit der Absicht, mir voller Stolz mitzuteilen, woher sie selber ursprünglich stammen. Prishtina, Mitrovica, Ferizaj, Kumanova, Tetova und viele andere albanische Städte sind in unserem Schulhaus vertreten. Nahezu ein Drittel der insgesamt 323 Schülerinnen und Schüler der Schule Gutschick in Winterthur sind albanischsprachig. Ein Wert, der in deutschschweizerischen QUIMS-Schulen keine Seltenheit ist.
QUIMS-Schulen
QUIMS ist die Abkürzung für Qualität in multikulturellen Schulen. Diesen Status erhält eine Schule, wenn über 30% der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund aufweisen. In unserem Schulhaus beträgt die Quote der fremdsprachigen Kinder über 70%. Zur Sicherung der Qualität in diesen multikulturellen Schulen, leistet der Kanton einen zusätzlichen Pauschalbetrag. Mit diesem Programm und der finanziellen Unterstützung soll auch unter erschwerten Bedingungen ein gutes Leistungsniveau, die soziale Integration und die Chancengleichheit in Bildung und Berufsfindung gewährleistet werden. Wir haben die Möglichkeit ausserschulische Angebote anzubieten, die für die Kinder kostenlos sind. Für das Lehrerkollegium sieht die finanzielle Unterstützung in Form von spezifischen Weiterbildungen zu den jeweiligen Schwerpunkthemen aus. Auch ist es uns möglich, Klassenassistenzen zu engagieren, die in besonders schwierigen Klassen der Lehrperson als zusätzliche Hilfe beistehen.
Nebst der Sprachförderung ist der Einbezug der Eltern eines dieser Schwerpunkthemen. Aufgrund von mangelnden Sprachkenntnissen ist dies jedoch nicht immer ganz einfach. Die albanischen Eltern meiner Schülerinnen und Schüler haben den Vorteil, sich diesem Problem nicht stellen zu müssen. Amüsanterweise sprachen sie mich zu Beginn auf Deutsch an, bis ich auf Albanisch antwortete. Ein Fremdsprachenverbot besteht in unserer Schule schliesslich nicht!
Auch Elterngespräche können auf Albanisch durchgeführt werden
Elterngespräche, in denen ich gelegentlich versuche meinen tetovarischen Dialekt ins Kosovarische umzuwandeln, noch ein wenig Hochalbanisch rein fliessen lasse, damit es ein wenig gebildeter klingt, und daraus ein undefinierbares Gemisch entsteht. Die Hauptsache ist jedoch, dass wir uns gegenseitig verstehen. Meine albanische Herkunft wirkt sich auch auf den Berufswunsch meiner Schülerinnen aus. Sie möchten jetzt Lehrerin werden. Oder Anwältin.
Egal welchen Berufswunsch unsere Schülerinnen und Schüler hegen. Die Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer besteht darin, sie darin zu bestärken, diesen zu verfolgen, unabhängig davon welcher sozialen Schicht oder ethnischen Gruppe sie angehören. Dies gilt insbesondere in einer Schule mit einer so starken kulturellen Vielfalt. Wer hier arbeitet, muss grossen Respekt vor unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Lebensweisen haben. In unseren Klassen werden die Kinder nicht nach Nationalitäten eingeteilt. Ich habe 22 Schülerinnen und Schüler in meiner Klasse. Es sind 22 Kinder mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Interessen und Fähigkeiten, die ich möglichst individuell fördern möchte.
Trotzdem kann ich nicht leugnen, nach Erhalt der neuen Klassenliste diese auf albanische Nachnamen durchsucht zu haben. Und ja, es heitert meine Stimmung um das Vielfache auf, wenn ein Kind am Morgen früh quer durch den Schulhof ruft: „Mirëmëngjesi Frau Ljutvija!“
„Mirëmëngjesi Frau Ljutvija
Trotzdem kann ich nicht leugnen, nach Erhalt der neuen Klassenliste diese auf albanische Nachnamen durchsucht zu haben. Und ja, es heitert meine Stimmung um das Vielfache auf, wenn ein Kind am Morgen früh quer durch den Schulhof ruft: „Mirëmëngjesi Frau Ljutvija!“
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